Catena

Offzielle Einweihung am 8. September 2007

Rede von Dr. Bertholt Schmitt von der Einweihungsveranstaltung
im Hermann-Josef-Kolleg am 08.09.2007
Sehr geehrter Pater Direktor,
lieber Thomas,
lieber Johannes,
liebe Freunde der Catena.
Panta Rhei Als ich die Fotos von "Panta rhei" gesehen habe, fragte ich mich, ob es nicht passend wäre, einen Wetterkundler über das neue Werk von Thomas Klein sprechen zu lassen. Die Nähe der von ihm gestalteten Formen und Strukturen zu verschiedenen Erscheinungsweisen des Wetters ist nicht zu übersehen. Assoziationen an den trüb-nassen Herbst oder frostig-klare Wintertage stellen sich ebenso ein wie die Erinnerung an heiße Sommertage.
Vielleicht hätte dieses Glasrelief einen Jörg Kachelmann zu einem Vortrag inspiriert, durch den wir die aufregenden Vorgänge eines ungeliebten Island-Tiefs mehr zu schätzen gelernt hätten als die stabil langweilige Schönphase eines Azoren-Hoch. Wer weiß.
Mit Sicherheit wäre es aber nicht bei der bloßen Beschreibung der Wetterphänomene im Allgemeinen und der des Eifelwetters im Besonderen geblieben. In den Ausführungen über das wechselhafte Wesen des Wetters hätte auch der Meteorologe diese Glascollage als Sinnbild für den ständigen Wandel aller Dinge betrachtet.
Darauf komme ich zurück.
Thomas Klein ist kein Wettermacher, sondern Künstler. Und die Entstehung von "Panta rhei" ist nicht den Zufällen und Launen der Natur geschuldet, sondern sie ist das Ergebnis eines langjährigen Schaffensprozesses. Von daher liegt es nahe, das nun vollendete Werk von einem Kunsthistoriker betrachten, beschreiben und deuten zu lassen. Das macht die Sache aber nicht leichter, denn in der Kunst ist es mindestens so schwer, verlässliche Aussagen zu treffen, wie beim Wetter. Kunst kann höchstens annäherungsweise erfasst, verstanden und vermittelt werden. Dies hat schon der um Erkenntnis ringende Goethe in seinem "Faust" gesehen, wo er den Famulus Wagner resignierend sagen lässt: "Die Kunst ist lang! Und Kurz ist das Leben." Mit Blick auf diesen Umstand bitte ich bei meinen Ausführungen um dasselbe Maß an Nachsicht, das Sie, sehr geehrte Damen und Herren, den Wetterfröschen zugestehen, wenn diese mit ihren Vorhersagen einmal zu kurz greifen oder daneben liegen.
Das Wetter und die Kunst! Es wäre verlockend, dieses Glasrelief in das Zentrum einer Betrachtung über das Verhältnis beider Bereiche zu stellen. Zum Thema Kunst und Natur gibt es eine unübersehbare Fülle von Meisterwerken. Für die Literatur und die Musik seien beispielsweise Shakespeares "Sturm" und Vivaldis "Vier Jahreszeiten" erwähnt. Für die Bildende Kunst erinnere ich an die Wasserlandschaften der holländischen Barockmalerei, bei deren bloßem Ansehen man sich schon klamm und feucht fühlt. Oder denken Sie an die Sturmgemälde von William Turner, in denen der Betrachter um Orientierung ringt, um nicht selbst den Boden unter den Füßen zu verlieren. Nicht zuletzt wären die Wolkenstudien von Leonardo zu nennen, in denen ernsthafter wissenschaftlicher Anspruch und tiefes künstlerisches Verständnis miteinander verschmelzen.
Panta Rhei Eines der spektakulärsten Objekte, in denen sich Kunst, Natur und praktischer Nutzen verbinden, stammt aus der Bronzezeit. Ich spreche von der ca. 4.000 Jahre alten Himmelsscheibe von Nebra, die erst 1999 in Sachsen-Anhalt entdeckt wurde und heute in Halle an der Saale zu bewundern ist. Die Scheibe zeigt in vollendeter Schönheit unter anderem Gestirne, die beim Ackerbau als Erinnerungshilfe zur Bestimmung des Jahreskalenders gedient haben.
Aber zurück nach Steinfeld. Auch "Panta rhei" ist ein Kunstwerk von ästhetischem Rang und zugleich von praktischem Wert. Selbstverständlich ist das zwölfteilige Glasrelief keine Himmels- oder Wetterkarte. Da es aber die Kontaktstelle zwischen Außen- und Innenraum markiert, sind die Bedingungen der Natur von entscheidender Bedeutung für die Wahrnehmung des künstlerischen Werkes. Schauen wir genauer hin.
Die von Thomas Klein gestalteten Scheiben ersetzen geriffeltes Sicherheitsglas, das bisher dieses Treppenhaus geprägt hat. Das alte Fenster reduzierte den lebhaften Wechsel des Tageslichtes auf ein monotones Gleichmaß mittlerer Helligkeit. Die Blicke zahlloser Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer verloren sich darin wie in einer undurchdringlichen Nebelwand.
"Panta rhei" verändert alles. Abgesehen von der Tragekonstruktion, scheint dem neuen Fenster alles Reguläre zu fehlen. Während einige Flächen mit Sandstrahlen mattiert und nur halb durchsichtig sind, strömt das Licht an anderen Partien ungefiltert herein und gibt den Blick in die Natur frei. Die alte Lösung hatte den rein praktischen Nutzen, den Verkehrsweg Treppe abzutrennen, zu schützen und zu beleuchten. Auch "Panta rhei" erfüllt diese Dreifachfunktion. Darüber hinaus wird die frühere Absperrung zwischen Innen und Außen durch das Werk von Thomas Klein zu einer offenen Schnittstelle, an der Innen- und Außenraum einander durchdringen und sich gegenseitig bereichern.
Thomas Klein verwirklicht dies in mehrfacher Hinsicht. Da ist zunächst die gestalterische Ebene. Sie sehen Formen, die an vorüber ziehende Wolken oder Nebelschwaden denken lassen. Ein Meteorologe würde die Schrägzylinder, Halbkugeln und Pyramiden vielleicht als dampfende Regentropfen oder glitzernde Eisblumen deuten. Diese Lesart der gestalterischen Elemente ist zulässig, denn Kunst und Natur fallen in der optischen Wahrnehmung der Glascollage partiell zusammen.
So zum Beispiel wird sich der Betrachter je nach Witterung fragen, ob die Scheiben tatsächlich angelaufen sind, oder ob das halb durchsichtige Nebelgrau künstlich erzeugt ist. Ist der Regentropfen wirklich aus Wasser oder rührt das Glitzern von der künstlerischen Bearbeitung des Glases?
Auch die Wahrnehmung des Lichtes wird mehrdeutig. Je nach Lichteinfall und Standpunkt des Betrachters brechen die dreidimensionalen geometrischen Elemente das Licht anders und lassen mitunter die Spektralfarben Blau, Grün, Gelb und Rot aufscheinen. Ist dies nun das Ergebnis eines Prozesses der physikalischen Optik oder zeichnet sich tatsächlich am Himmel gerade eben ein Regenbogen ab?
Thomas Klein beschränkt sich auf ein kleines Repertoire an Formen. Jedoch bringt er durch vielfältige Variation und Kombination der Elemente unbegrenzte Möglichkeiten des Spiels mit dem Licht hervor. Der kontinuierliche Wandel des Lichtes steigert diese Wirkung und verstärkt den ästhetischen Reiz der Glascollage.
Panta Rhei Mit Blick auf diesen ständigen Wandel kann man das Glasrelief "Panta rhei" als ein Werk der kinetischen Kunst auffassen. Je nach Tageszeit, Jahreszeit und Witterung verändert sich nämlich das in Glas Gestaltete aufgrund seines Verhältnisses zum Licht. Diese Dynamik entsteht ganz ohne Zutun des Menschen. "Panta rhei" erscheint wie eine Leinwand, deren künstlerische Gestalt durch die Natur variiert, ergänzt und kontinuierlich neu interpretiert wird. Kunst und Natur verschmelzen zu einem gemeinsamen Medium von höchster Lebendigkeit. Somit markiert "Panta rhei" die Schwelle bzw. das Bindeglied zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen, aber letztlich zusammen gehörenden Bereichen.
Zuvor habe ich gesagt, es habe den Anschein, als fehle dem neuen Glasfenster jedes Regelmaß. Dieser Eindruck täuscht. Was auf den ersten Blick wie zufällig hingestreut aussieht, ist tatsächlich das Ergebnis sorgfältiger Berechnung, denn der gesamten Komposition liegt ein strenges Rastermaß zugrunde. Der genormte Abstand zwischen den geometrischen Elementen beträgt exakt 7,5 cm, die gelegentlich durch Auslassungen auf 15 cm verdoppelt sein können.
Mit seinen natürlichen und seinen streng mathematischen Anteilen erweist "Panta rhei" sich als ein in hohem Maße ambivalentes Werk. Auf der einen Seite bietet es der Natur und ihren witterungsbedingten Zufällen eine Präsentationsfläche. Gleichzeitig aber grenzt die nahezu mechanische Strenge der Ausführung das Werk von jeder natürlichen Anmutung ab. Die von Quadrat und Kreis abgeleiteten Kuben stehen ganz für sich, verweisen auf nichts und bedeuten nur sich selbst. Damit steht das Werk trotz aller natürlichen Assoziationen der so genannten Konkreten Kunst nahe, die Hans Arp als "völlig frei von Anspielungen auf die Formenwelt der sichtbaren Erscheinungen" definiert hat. [1]
Meine sehr geehrten Damen und Herren. Bislang habe ich nichts zur Biografie von Thomas Klein gesagt. Das wird auch so bleiben, denn die Einladungskarte zu dieser Veranstaltung gibt einen guten Überblick über seinen persönlichen Werdegang sowie über seine Arbeiten, Ausstellungen und Auszeichnungen.
Da aber von Glaskunst die Rede ist, weise ich zumindest darauf hin, dass Thomas Klein Schüler in Steinfeld war. Warum das von Bedeutung ist?
Der Kreuzgang von Kloster Steinfeld war seit dem frühen 16. Jahrhundert mit farbenprächtigen Glasfenstern geschmückt, die Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament zeigten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kamen die Fenster außer Mode, sie wurden ausgebaut, eingelagert und gelangten durch den Kunsthandel nach England, wo spätmittelalterliche Kunst seit dem frühen 19. Jahrhundert en vogue war. Auf Umwegen gelangte ein Großteil dieses rheinischen Glasschatzes in das Victoria and Albert Museum in London. Heute sind nur noch zwei Scheiben an ihrem ursprünglichen Ort zu sehen. [2]
Viele von Euch wissen um diesen bedauerlichen Verlust für unser Kloster. Vielleicht hatte der eine oder andere von Euch in diesem Sommer die Gelegenheit, um im Kölner Museum Schnütgen die Ausstellung "Rheinische Glasmalerei. Meisterwerke der Renaissance" zu besuchen. Neben Werken aus den Klöstern Altenberg und Mariawald konnte man von Mai bis Ende Juli auch die Steinfelder Fenster bewundern.
Panta Rhei Nun steht das Glasrelief von Thomas Klein weder inhaltlich noch gestalterisch in einem Zusammenhang mit den älteren Steinfelder Fenstern. Der Unterschied zwischen dem bunten und figurenreichen Bilderzyklus aus dem Spätmittelalter und den reduzierten, ganz auf Farbe verzichtenden Scheiben von Thomas Klein könnte kaum größer sein. Aber genau dieser Gegensatz ist geeignet, das Wesen der Glaskunst von Thomas Klein genauer zu fassen.
Während die älteren Fenster narrative und symbolische Inhalte veranschaulichen, gilt Kleins Augenmerk ganz dem ständigen Wechsel zwischen Licht und Form.
In der älteren Glaskunst verwandelt sich das Licht in etwas anderes; es verliert seinen irdischen Charakter, wird göttliches Licht und verdrängt den Gedanken an eine natürliche Lichtquelle wie die Sonne. Das mittelalterliche Kirchenfenster war nicht als Durchblick gedacht, es war nicht Medium zwischen Innen und Außen. Entsprechend hat man bei dem Besuch einer gotischen Kathedrale den Eindruck, als ob die Glaswände aus sich selbst heraus leuchten würden.
Demgegenüber ist bei "Panta rhei" das Tageslicht als Quelle der Beleuchtung nicht zu übersehen. Das natürliche Licht in seinen vielfältigen Brechungen und Wandlungen ist Gegenstand der künstlerischen Behandlung. Für das volle Erleben dieses Glasreliefs ist jede Veränderung des Sonnenstandes und jede Variation ihrer Leuchtkraft von Belang, denn das künstliche Material Glas und der natürliche Stoff Licht gehen eine unauflösliche, eine existenzielle Beziehung ein.
Die mittelalterlichen Glasfenster waren Bilderbibeln. Ihr narrativer Aufbau konnte im Sinne einer `Predigt ohne Worte´ auch den Leseunkundigen die Heilsgeschichte vermitteln. Dagegen verzichtet Thomas Klein auf jeden Erzählstrang, dem ein Betrachter gleichsam lesend folgen könnte. "Panta rhei" öffnet und weitet den Blick und gibt einen Rahmen, innerhalb dessen das Auge sich frei nach allen Seiten bewegen kann. Dabei findet der Betrachter in den kristallinen Strukturen gelegentlich Anhalts- oder Orientierungspunkte; manchmal taucht aber auch ein verstörender Nebel auf, der den Blick in das Freie verstellt.
"Panta rhei" wurde sicher nicht zufällig für eine Schule entworfen und hergestellt. Vielleicht hatte Thomas Klein ein Zitat von Wilhelm von Humboldt (1767-1835) im Sinn. Der geistige Vater des humanistischen Gymnasiums war nämlich der Ansicht, dass nur der Wechsel wohltätig sei, während unaufhörliches Tageslicht ermüde.
Dass "Panta rhei" in dieser Hinsicht eine geeignete und schöne Metapher für die Schule ist, hat Pater Maximilian Segener gesehen. In seinem Bericht anlässlich der feierlichen Übergabe des ersten Glaselementes vor sechs Jahren schreibt er: "Das neue Fenster erfordert viele Blickwinkel. Ändert der Betrachter seine Position, gewinnt er eine völlig neue Perspektive. Nichts bleibt, wie es ist. (...) Wie im Leben, so auch in der Schule. Sicherheiten werden in Frage gestellt. Wir lernen Neues und verändern unsere Ansichten." [3]
Ich schließe meine Ausführungen zu "Panta rhei" mit einer - nicht ganz ernst gemeinten - Warnung vor dem blinden Vertrauen auf Lichtzeichen, besonders in der Schule. Das kann nämlich auch ordentlich schief gehen, wie wir aus der "Feuerzangenbowle" wissen.
Panta Rhei In einer der schönsten Szenen des Films soll Schüler Knebel im Geschichtsunterricht etwas über die Wanderungen der mittelalterlichen Goten sagen. Vertrauend auf die gut gemeinte Lichtführung seines Mitschülers Pfeiffer, gespielt von Heinz Rühmann, stolpern Knebels Goten verbal von Schweden über Danzig nach Russland. Dann aber, der Lichtreflex schwankt auf der Landkarte von links nach rechts, lässt der Prüfling seiner historischen Phantasie freien Lauf, sodass das Volk nach einer Phase der Plan- und Orientierungslosigkeit kurzerhand in die Ost- und in die Westgoten zerfällt.
So wie ein Leuchtturm das seemännische Navigieren erleichtert, würde ich mich sehr freuen, wenn "Panta rhei" den Steinfelder Schülerinnen und Schülern auf lange Zeit anregende Lichtzeichen geben könnte und ein zuverlässiger Wegweiser durch die Anforderungen des schulischen Lebens ist. Auch bei Regen.
Vielen Dank.

Referenzen

  • [1] Willy Rotzler, Konstruktive Konzepte. Eine Geschichte der konstruktiven Kunst vom Kubismus bis heute, 3. überarbeitete Auflage, Zürich 1995, S. 9.
  • [2] Vgl. Bernward Meisterjahn, Glasmalereien aus dem Kreuzgang der ehemaligen Abtei Steinfeld, o. O., o. J.; vgl. auch Bernhard Fuhrmann / Heinrich Latz, Bericht einer Entdeckungsreise, in: Hermann Josef Kolleg im Wandel. 75 Jahre Gymnasium Steinfeld. Festschrift 1999, Steinfeld 1999, S. 184 f.
  • [3] P. Maximilian Segener SDS, Neue Perspektiven in der Schule, in: Catena Forum 2002/2003, Steinfeld 2003, S. 11 f.

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