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Panta Rhei - Alles fließt
von Dr. Berthold Schmitt
"In den Zellen und Sälen des Klosters, zwischen den runden schweren Fensterbogen und den strammen Doppelsäulen aus rotem Stein wurde gelebt, gelehrt, studiert, verwaltet, regiert; vielerlei Kunst und Wissenschaft wurde hier getrieben und von einer Generation der anderen vererbt, fromme und weltliche, helle und dunkle. (...) Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, Einfalt und Verschlagenheit, Weisheit der Evangelien und Weisheit der Griechen, weiße und schwarze Magie, von allem gedieh hier etwas, für alles war Raum; es war Raum für Einsiedelei und Bußübung ebenso wie für Geselligkeit und Wohlleben."
Beim Lesen dieser Zeilen werden viele Ehemalige, und besonders diejenigen aus dem Internat, unweigerlich an Kloster und Schule Steinfeld denken. Vielleicht fragt sich auch der eine oder andere, wer da so trefflich über einen Ort schreibt, mit dem jeder Steinfelder gemeinschaftliche oder auch individuelle Erinnerungen verbindet. Der Autor ist Hermann Hesse, aber der Ort ist nicht Steinfeld. Obschon die Erzählung "Narziß und Goldmund" ihren Ausgangspunkt nicht in unserem Kloster nimmt, ruft der Roman dennoch jene Schule ins Gedächtnis, die auch ich besucht habe. Besonders lebhaft wird diese Erinnerung in der anschaulichen Schilderung des Kastanienbaums vor dem Klostertor, die wie ein Gemälde unseres Kastanienhofes erscheint. Sentimentalität? Schon. Aber warum auch nicht, und vielleicht geht es ja dem einen oder anderen Ehemaligen ähnlich.
Nun gibt es in Kloster Steinfeld nicht nur vertraute Orte wie den Kastanienhof, sondern sogar hier finden sich Bereiche, mit denen man keine oder nur geringe Erinnerungen, geschweige denn tiefgehende Bedeutungen verknüpft. Bis vor kurzem war das Haupttreppenhaus der Schule für mich ein solch' blinder Fleck. Eine Architektur, sachlich, nüchtern und kahl, ausgelegt auf die Funktion der Wegeführung und der Verbindung von Gebäudetrakten; ein gesichtsloses Gehäuse, das Generationen von Schülern und Lehrern nur zur raschen Passage dient, und von dessen Gestalt kaum jemand Notiz nimmt. Seit dem 21. Mai 2001 ist dies anders! An diesem Tag, der zugleich der Festtag des Eifelheiligen Hermann-Josef ist, hat das Kolleg, das den Namen des Prämonstratensermönches trägt, ein von Thomas Klein gestaltetes Glasfenster mit dem Titel "panta rhei" als Geschenk erhalten, das eigens für dieses Treppenhaus geschaffen und dort auch eingesetzt worden ist.
Der Glaskünstler und Designer Thomas Klein ist Schüler in Steinfeld gewesen und hat hier 1966 Abitur gemacht. Nach dem Studium der Glasmalerei an der Werkkunstschule Krefeld und der Ausbildung zum Werklehrer arbeitet Klein seit 1972 als Glasbildner und Kunsterzieher. Ausstellungen im In- und Ausland und eine Reihe von Arbeiten im öffentlichen Raum belegen sein bisheriges Schaffen, für das er 1991 den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Glasmalerei erhalten hat. Thomas Klein lebt und arbeitet in Mönchengladbach.1)
Die Behauptung, der Schüler Klein habe die Anregung zu seiner späteren künstlerischen Arbeit in und durch Kloster Steinfeld erhalten, wäre gewagt. Aber die Vorstellung ist verlockend, denn der Ort bietet gute und vielfältige Voraussetzungen, um der Kunst zu begegnen und sich von der Wirkmächtigkeit ihrer Bilder inspirieren zu lassen. Sicherlich denkt man dabei zuerst an die würdevolle, in den Jahren nach 1142 entstandene romanische Basilika, deren spätgotisch ausgemalte Gewölbe und prachtvolle barocke Ausstattung noch den heutigen Besucher in Bewunderung und Andacht versetzen. Ebenso hätten aber auch Malerei, Skulptur und Kunsthandwerk in Kirche und Kloster Anregungen für den Pennäler Klein geben können. Mit Blick auf den späteren Glaskünstler darf man aber die berühmten Steinfelder Glasfenster nicht vergessen, die ehemals den Kreuzgang schmückten. Thomas Klein hat sie nie in situ sehen können, denn die farbenprächtigen Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament, deren erste 1526 eingefügt worden war, wurden bereits 1785 im Zuge einer Renovierung des Kreuzgangs ausgebaut und in Kisten verstaut. Auf Umwegen gerieten nach der Aufhebung der Abtei 1802 zahlreiche Scheiben nach England, wo sie sich auch heute noch befinden. Neben verschiedenen kleinen Landkirchen verwahrt vor allem das Victoria and Albert Museum in London einen Großteil des aus Steinfeld stammenden Glasschatzes, von dem bislang zwei Scheiben an ihren Ursprungsort zurückgekehrt sind.2) Vor dieser Historie muß die Frage, ob Thomas Kleins Berufsweg durch den reichen Steinfelder Kunstbestand mit vorbereitet worden ist, spekulativ bleiben, aber vielleicht gibt es ja doch so etwas wie einen künstlerischen Genius loci in unserem Kloster.
Mit der Gestaltung und Herstellung von Glasfenstern steht Thomas Klein in einer künstlerischen und geistigen Tradition, die besonders im Mittelalter eindringliche Werke hervorgebracht hat. Die Grundelemente dieser Sonderform malerischen Ausdrucks sind das Licht und die Farbe. Der mythologische Hintergrund für die gleichsam aus dem natürlichen Licht geborene Malerei ist die Vorstellung der Polarität von Helligkeit und Finsternis, die für den Kampf des Guten gegen das Böse steht. Viele Kulturen und Religionen verehren die Leben spendende Kraft des Lichtes bzw. der Sonne als göttlichen Ursprungs, so auch das Christentum. Im Neuen Testament wird Jesus das "Licht der Welt" genannt (Johannes 8,12) und christliche Symbolik und Metaphysik werten das unkörperliche Licht als die reinste Veranschaulichung des Göttlichen in der Welt. Klein selbst stellt seine Glascollage in die Überlieferung der christlichen Lichtphilosophie und zieht zur Deutung Passagen des Glaubensbekenntnisses, des Briefes an die Kolosser und der Bergpredigt heran.3) Zugleich aber faßt er die uralte Vorstellung von der geistigen Kraft des Lichtes in eine zeitgenössischen Formensprache.
Die Collage ersetzt eine der geriffelten Scheiben aus Sicherheitsglas, die das dreigeschossige Haupttreppenhaus der Schule auf gesamter Höhe und Breite mit Tageslicht versorgen. Die nun im Zentrum dieser Wand eingefügte Scheibe mißt ca. 100 auf 200 cm. Aus der teilmattierten Glasfläche ist ein regelmäßiges Raster von elf Reihen mit je 22 Kreisformen ausgespart, aus denen sich - besonders zum Zentrum der Scheibe hin - Schrägzylinder von unterschiedlicher Höhe und gegenläufigen Winkeln erheben. Dadurch entsteht ein in sich bewegtes und zugleich nach vorne aufgewölbtes Relief, durch das von hinten natürliches Licht einfällt.
Eine nach Stilen urteilende Betrachtung würde dieses und andere Werke von Thomas Klein der sog. konkreten Kunst zuordnen, denn in den Arbeiten findet lediglich eine begrenzte Zahl einfachster Formen Verwendung. Es finden sich geometrische Elemente wie Quadrat und Kreis sowie die daraus resultierenden dreidimensionalen Ableitungen Zylinder, Quader, Pyramide usw., die auf nahezu mechanisch exakte Weise angeordnet werden. Diese Glasstrukturen verweisen auf nichts, sie stehen ganz für sich und sie bedeuten nur sich selbst. In Anlehnung an Hans Arps Definition der konkreten Kunst sind auch Kleins Arbeiten "völlig frei von Anspielungen auf die Formenwelt der sichtbaren Erscheinungen".4) Im Unterschied zur Glaskunst des Hohen Mittelalters verwendet Klein auch keine bunten und figürlichen Scheiben, deren Farben und Konturen durch das Licht zu höchster Leuchtkraft und erzählerischer Lebendigkeit erweckt werden, sondern er arbeitet mit farblosem, teilweise zu Grau eingetrübtem Glas. Während die farbig gefaßten und figurenreichen Glasfenster des Mittelalters narrative oder symbolische Inhalte veranschaulichen, gilt Kleins Augenmerk ganz dem von Assoziationen freien und ständig wechselnden Spiel aus Licht und Form. Damit ist ein wesentlicher Unterschied zur älteren Glaskunst angesprochen, denn dort verwandelt sich das Licht in etwas anderes; es verliert seinen irdischen Charakter und läßt den Gedanken an eine Lichtquelle, zum Beispiel die Sonne, nicht aufkommen. Die Wände der gotischen Kathedrale leuchten gleichsam aus sich selbst heraus. Dagegen bleibt in der Betrachtung der Glascollagen von Thomas Klein die Sonne als Lichtquelle stets im Bewußtsein. Das natürliche Licht in seinen Brechungen ist Gegenstand der künstlerischen Behandlung, und deshalb ist jede Veränderung des Sonnenstandes und ihrer Leuchtkraft als ständig variierender Fluß der Erscheinungen wahrnehmbar. Zu diesem Aspekt der Kunst von Klein sagt Klaus Flemming: "Es ist das Licht, das diese Elemente vitalisiert, sie be- und entzaubert, ihnen unerwartete Konfigurationen abgewinnt und ihnen weit über die konkrete Dingform hinaus Wesenhaftigkeit verleiht.
Es ist das Licht, das die durchsichtigen Materialisationen um eine ungemein komplexe, immaterielle Komponente erweitert: nicht wirklich greifbar, aber sinnlich präsent, flüchtig, aber eindringlich, unwirklich und doch voll da."5) Das Glasrelief wird zu einem Instrument der Veranschaulichung der unkörperlichen und nicht sichtbaren Qualitäten des Lichtes. So zum Beispiel lassen die Brechungen der Glasscheibe und der Schrägzylinder je nach Lichteinfall die Spektralfarben Blau, Grün, Gelb und Rot aufscheinen, aus denen sich das Licht nach physikalischer Definition zusammensetzt. Das knappe Formenrepertoire und die Strenge der geometrischen Gestaltung bringen unbegrenzte Möglichkeiten des Spiels mit dem Licht hervor, die zusätzlich durch die Bewegungen des Betrachters und die Veränderungen seines Standpunktes gesteigert werden. Darüber hinaus wird auch der Blick in die freie Natur Teil des sich ständig verändernden Erscheinungsbildes der Glascollage. Anders nämlich als bei den geriffelten Glasscheiben der Treppenhauswand läßt Klein einzelne Partien seiner Arbeit transparent und bezieht so die wechselnden Farben des Himmels, der Wolken und der Pflanzen in das Bild ein. Außen- und Innenraum werden einander gegenübergestellt und gleichzeitig miteinander verbunden; Raum und Fläche durchdringen einander im Licht.
Die Glascollage "Panta rhei - Alles fließt", benannt nach einem dem griechischen Philosophen Heraklit zugeschriebenen Wort, ist ein Sinnbild für das ewige Werden und den ständigen Wandel aller Dinge. Zugleich feiert dieses Glasbild das Licht, das zu den Ursymbolen der Menschheit gehört und gemäß der Schöpfungsgeschichte am Beginn der Erschaffung der Erde steht. Das Licht als Teil des Urprinzips der Welt und des Lebens, von dem der Prolog des Evangeliums nach Johannes sagt: "Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos. Dieser war im Anfang bei Gott. Alles ist durch ihn geworden, und ohne es wurde auch nicht eines von dem, was geworden. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Das Licht leuchtet in der Finsternis, die Finsternis aber hat es nicht ergriffen."
1) Zu Thomas Klein vgl. Ellen Katterbach / Thomas Klein, Galerie in der Bank. Eine Kunstausstellung der Volksbank Brüggen-Nettetal, Brüggen-Nettetal 2001, S. 22 ff.
2) Vgl. dazu Bernward Meisterjahn, Glasmalereien aus dem Kreuzgang der ehemaligen Abtei Steinfeld, o. O., o. J.; vgl. auch "Bericht einer Entdeckungsreise" von Bernhard Fuhrmann und Heinrich Latz, in: Hermann Josef Kolleg im Wandel. 75 Jahre Gymnasium Steinfeld. Festschrift 1999, Steinfeld 1999, S. 184 f.
3) Thomas Klein, "Panta rhei - Alles fließt", in: Salvatorianische Mitteilungen, 3/2001, S. 14.
4) Vgl. Willy Rotzler, Konstruktive Konzepte. Eine Geschichte der konstruktiven Kunst vom Kubismus bis heute, 3. überarb. Aufl., Zürich 1995, S. 9.
5) Klaus Flemming, Thomas Klein, in: Ellen Katterbach / Thomas Klein, Brüggen-Nettetal 2001, S. 21.
Dr. Berthold Schmitt war Schüler am HJK von 1972 bis 1981 und arbeitet als Kunsthistoriker in Saarbrücken.
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