Catena

Panta Rhei - Neue Perspektiven in der Schule

von Pater Maximilian Segener
Panta Rhei Die Feier des Hermann-Josef-Festes am Sonntag nach Christi Himmelfahrt hat im religiösen Leben vieler einen festen Platz. Somit kommt der eigentliche Festtag des Eifelheiligen (21.05.) ins Hintertreffen. Dem wirkt die vor kurzem aufgegriffene Tradition, unseren Schulpatron am 21. Mai zu ehren, entgegen.
Auch in diesem Jahr kamen die Schüler und Schülerinnen mit den Lehrern und Lehrerinnen zusammen, um bei schönstem Wetter unter freiem Himmel einen Wortgottesdienst zu feiern. Die Feier wurde diesmal durch ein Glasfenster bestimmt, welches der niederrheinische Glasbildner und Staatspreisträger Thomas Klein aus Mönchengladbach für seine ehemalige "Penne" gestaltet hat. Als Internatsschüler hat Herr Klein in Steinfeld 1966 sein Abitur gemacht. Am 21. Mai wurde das für das Treppenhaus vorgesehene Glasfenster der Schulgemeinschaft vorgestellt und übergeben. Die Entstehungskosten des Glasfensters wurden von der CATENA e.V. getragen.
"Du, wir kriegen ein Hermann-Josef-Fenster geschenkt!" So oder so ähnlich sprach man über das noch unbekannte Geschenk. Die Erwartung, was da kommen würde, war groß. Und mancher war dann im ersten Moment überrascht, kein klassisches Heiligenmotiv, wie man es von Kirchenfenstern kennt, vor sich zu haben. Ein "Bild", eine Vorstellung des Hl. Hermann-Josef, bietet dieses Fenster nämlich gerade nicht. Zumindest nicht im traditionellen Sinn und schon gar nicht auf den ersten Blick.
Panta Rhei Das neue Fenster erfordert viele Blicke, mehrmaliges Hinschauen. Oder besser gesagt, viele Blickwinkel. Es ist nämlich keine Wiedergabe des Schulpatrons, der uns konkret sowieso nicht mehr greifbar ist, sondern besteht aus verschiedenen Schrägzylindern, die, über mehrere Reihen, in unterschiedlichen teils gegenläufigen Winkeln angeordnet sind. Das Glas ist zu den Außenseiten hin mit Sandstrahlen unklar gemacht worden. Im Zusammenspiel mit der durch die Zylinder hervorgerufenen prismatischen Lichtbrechung macht dies die Glascollage aus – der "Durchblick" ist begrenzt und die in den verschiedenen Reihen gegenläufigen Winkel führen zu einer unendlichen Zahl von Farben und Perspektiven. Ein unendliches Spektrum. Ändert der Betrachter seine Position, gewinnt er eine völlig neue Perspektive. Nichts bleibt wie es ist. So bringt dies speziell für das Treppenhaus unserer Schule konzipierte Fenster ganz bewußt Bewegung zum Ausdruck: auf und ab, hin und her, vor und zurück. Wie im Leben, so auch in der Schule. Sicherheiten werden in Frage gestellt. Wir lernen Neues und verändern unsere Ansichten. Wer stehen bleibt, hat nichts kapiert. Wer nichts kapiert, bleibt sitzen. Oder vielleicht doch nicht? Wenn nichts sicher ist, bleibt alles ungewiß. Deshalb hat Herr Klein sein Kunstwerk in Anlehnung an den griechischen Philosophen Heraklit von Ephesos (um 536-470 v. Chr.) "PANTHA RHEI" (= alles fließt) genannt. Oft nehmen wir nur Äußerliches wahr und verkennen das Wesentliche, das, worauf es letztlich ankommt. So betrachtet fallen dann die Begriffe "ein Heiliger sein" und "Schulalltag", die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, in eins zusammen. Wer könnte schon sagen, er sei heilig?
Heilig ist letztlich immer nur Gott. Von ihm her empfängt alles Geschaffene seine je eigene Würde und Bestimmung. "Gott braucht Dich zu dem, was der Sinn Deines Lebens ist." Fehlte ein einziger Farbton, es gäbe kein Ganzes, denn erst die Summe aller Farben ergibt in ihrer Vollendung das unscheinbare Weiß. Die Suche nach Wahrheit, die Sehnsucht nach Gott bleibt eine Aufgabe und Herausforderung für alle Menschen. Das, was der einzelne um sich herum wahrnimmt und erkennt, ist immer nur ein winziger Ausschnitt dessen, was ist.
Panta Rhei Jedes menschliche Leben ist ein Hinweis auf das Leben, auf Gott selbst. So ist jeder einzelne Mensch, jeder Schüler, jeder Lehrer Ebenbild des einen heiligen Gottes. Das sagt uns dieses Fenster. Da, wo ich mir selbst am nächsten bin, bin ich eins mit Gott. In jedem von uns "bricht" sich das göttliche Licht. Hermann-Josef ist ein Name für viele, die der Vollkommenheit Gottes durch ihr Leben Gestalt und Form gegeben haben.
Durch die Unvollkommenheiten des Einzelnen hindurch will Gott sich den anderen Menschen erfahrbar machen. Wir sind aufgefordert, in Bewegung zu bleiben und das Unvollständige zuzulassen. In der Schule des Lebens. Das sagt uns dieses Fenster.
Zum Abschluß dankte unser Direktor, P. Hermann Preußner, Herrn Klein für dies außergewöhnliche Geschenk, welches ja auch die vielfache Verbundenheit ehemaliger Schüler mit ihrer Schule zum Ausdruck bringe. In diesem Zusammenhang dankte er den anwesenden Mitgliedern des CATENA-Vorstandes für die Stiftung der Glascollage, was von den anwesenden Schülerinnen und Schülern mit spontanem Applaus und Begeisterungsrufen bedacht wurde.
Im Anschluß an den Gottesdienst blieben alle bis Unterrichtsschluß zu einem kleinen Imbiss mit Brötchen und Wurst beisammen, um sich an Ort und Stelle das neue Geschenk vom Künstler selbst zeigen und erklären zu lassen. Erste Eindrücke und Kommentare wurden ausgetauscht. Welche Impulse noch von dem neuen Glasbild ausgehen werden, wird sich zeigen.
Pater Maximilian Segener SDS ist ehemaliger Schüler des HJK. Er wurde 1993 in Steinfeld zum Priester geweiht und ist dort als Schulseelsorger tätig.